Herbstliche Reise in Sauerland

Montag, 15.10.2018
Pünktlich um 08:30 Uhr fuhren wir in Kaarst mit dem Bus ab. Mit leichter Verspätung trafen wir um 11:00 Uhr an der Möhne-Talsperre ein. Dort begingen wir die Staumauer bis zur Mitte, ließen uns von Präsident Toni die Geschichte und Bedeutung der Talsperre erklären und nahmen am Pegel den sehr niedrigen Wasserstand zur Kenntnis.
Nach einer halben Stunde ging es weiter in Richtung Winterberg. Kurz vor der Stadt besuchten wir mit einem kurzen Fußmarsch vom Parkplatz aus die Ruhrquelle, an der wir allerdings wegen der seit Monaten anhaltenden Trockenheit nur mühsam eine geringfügige Wasserbewegung in einer kleinen Lache feststellen konnten.
Eine kurze Fahrt brachte uns in das Stadtzentrum von Winterberg, wo wir unsere Mittagspause mit Kaffee und Gebäck verbrachten.
Nach wiederum kurzer Busfahrt erreichten wir gegen 14:30 Uhr den Kahlen Asten, wo uns bereits der vorbestellte Diplom-Geologe Pape erwartete, den wir für eine Führung engagiert hatten. An einem Aussichtspunkt erhielten wir einige grundsätzliche Erklärungen zum Kahlen Asten: Nachdem in früherer Zeit durch „Plaggen“ (Abtragen der Humusschicht) der Boden so nährstoffarm gemacht wor¬den war, dass im Wesentlichen nur noch Heidelbeeren, Preiselbeeren und Heidepflanzen dort gedei¬hen konnten, hält man jetzt den Bewuchs bewusst niedrig, damit keine größeren Pflanzen den Kahlen Asten überwuchern können. Dies wird vor allem durch Schafe bewirkt, die man dort weiden lässt.
Danach ging es zur Wetterstation, die zu den wichtigsten in Deutschland gehört. Während bisher dort sehs Mitarbeiter mit Aufnahme und Weiterleitung der Messungen tätig gewesen waren, wird dies alles seit diesem Jahr vollautomatisch durchgeführt. Herr Pape erklärte uns die zahlreichen dort aufgestellten Vorrichtungen. Diese dienen z.B. zur Messung der Temperatur in 2 m Höhe (Normalmessung) und am Boden, der Windstärke, des Niederschlags, der Raureifbildung an einer Stange, der Schneehöhe durch Laserstrahl auf eine Metallplatte im Boden usw. Alle diese Werte werden gespeichert und sind für die vorgesehenen Stellen abrufbar.
Wer wollte, konnte anschließend den Astenturm besteigen. Nach Bewältigung von 80 Stufen durften wir den durch das schöne Sonnenwetter ermöglichten Panoramablick genießen. Herr Pape gab dazu eine Reihe von Erklärungen. Wir sahen Winterberg und Altastenberg mit der (trockenen) Lennequelle, der höchsten Quelle in NRW, sowie den Langenberg, der als wenig bekannter höchster Berg in NRW den Kahlen Asten noch um 2 m übertrifft.
Abschließend begleitete Herr Pape uns noch in die Ausstellung im Astenturm, wo wir er uns einige Info-Tafeln erklärte, insbes. zur Temperaturentwicklung der letzten 120 Jahre und nochmals zu technischen Messvorgängen.
Danach ging es zurück zum Bus, der uns auf kurvigen Straßen nach Schmallenberg brachte. Gegen 16:30 Uhr erreichten wir das Hotel Stoffels, wo wir eincheckten und die nach allgemeiner Meinung sehr ansprechenden Zimmer bezogen.
Nach einer Pause begaben wir uns zu dem vom Hotel auf unseren Wunsch bestellten Stadtführer, dem pensionierten Leiter des städtischen Bauamts, Herrn Voss. Auf dem Paul-Falke-Platz vor der Stadthalle erklärte uns dieser zunächst anhand einer Bronzesäule die Bedeutung von Paul Falke als Firmengründer und Bürgermeister. Danach gab es ausführliche Hinweise zur Geschichte und Entwicklung der Stadt, die 1244 vom Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden gegründet und lange Zeit von den Kölner Erzbischöfen beherrscht worden ist. Nach dem vierten Stadtbrand im Jahr 1822 wurde die Stadt völlig neu aufgebaut: Anstelle der bisher ovalen Form entstand sie nunmehr in Form einer Leiter mit zwei Achsen und mehreren Quersprossen.
Während eines ausgiebigen Rundgangs erfuhren wir, dass die Stadt recht wohlhabend und beinahe schuldenfrei ist. Dies zeigt sich den in, in den den letzten Jahren hochwertig umgestalteten Wegen und Plätzen und vor allem an den Gebäuden. Wir erfuhren, dass die Stadt bei allen neu- oder umgebauten Gebäuden dafür sorgt, dass diese mit 5 Achsen errichtet werden: eine Mittelachse mit Treppenzugang und an beiden Seiten zwei Seitenachsen. Außerdem stehen vor vielen Häusern je zwei Bäume, symmetrisch angeordnet.
Weitere Sehenswürdigkeiten waren insbesondere:
• das aus einer schlichten Fabrikhalle der Firma Sophie Stecker entstandenen aufwendigen Gebäuden mit Wohn- und Geschäftsräumen
• die Sparkasse mit den Skulpturen „Sparer und Verschwender“
• der übergroß dargestellte Schmallenberger Pfennig (früher allgemein gültiges Zahlungsmittel)
• Skulptur und Tafel des Floigenkaspars, der verschiedene Flugversuche unternommen hatte
• mehrere Skulpturen aus jüngerer Zeit, insbesondere zwei Schutzengel vor dem Pfarrhaus.
Abschließend gab es noch einige grundlegende Informationen:
Schmallenberg ist flächenmäßig die zweitgrößte Stadt in NRW. Die Stadt lebt von der Firma Falke als Arbeitgeber und vom Fremdenverkehr. Insgesamt 9 der 83 (!) Ortsteile sind als Bundesgolddörfer ausgezeichnet worden.

Dienstag 16.09.2018
Nach dem Frühstück im Hotel Stoffels startet der Bus zur 460 m entfernten
Strumpffabrik Falke.
Am Verwaltungsgebäude empfängt uns um 10 Uhr der ehemalige Obermeister Tillmann (75), der bereits seit 57 Jahren für das Unternehmen weltweit tätig war und als Rentner immer noch ist. Er beginnt mit einer Einführung.
Falke verdankt seine Gründung der Tatsache, dass Dachdecker im Winter arbeitslos waren. So musste sich Franz Falke-Rohnen in der kalten Jahreszeit seinen Lebensunterhalt in Strickereien verdienen und lernte so für seine Zukunft. Er machte sich 1895 in Schmallenberg selbständig und ahnte sicher nicht, dass seine Urenkel einmal mit über 3000 Mitarbeitern weltweit und auch in Ländern, tätig sein würden, deren Namen er vermutlich noch nicht einmal kannte.
Da man durch geschickte Produktions-Verlagerungen (beginnend 1974) ins Ausland Lohnkosten senken konnte, ist es gelungen, große Teile der Fertigung, besonders der hochwertigen Produkte, in Deutschland zu erhalten.
Seit 1958 werden Socken gefertigt. Neben diesem Hauptgeschäft, ist man noch mit funktionaler Sportkleidung auf dem Markt.
Der Rundgang beginnt im Stricksaal für Socken.
Zunächst wird die Technologie der Sockenfertigung an 70 Jahren alten Maschinen demonstriert.
Hunderte kreisförmig angeordnete „Häkelnadeln“ erfassen den pneumatisch eingeschossenen Faden, bilden Maschen und stricken so einen endlosen Schlauch. Immer im Fersenbereich einer Socke fährt die Maschine hin und her und formt die Verstärkung. Am Ende jeder einzelnen Socke wird ein dickerer, andersfarbiger Faden eingeschossen, der später manuell entfernt wird und den Schlauch in einzelne Rohlinge trennt. Diese müssen dann von Hand in zwei weitere Maschinen eingeführt werden, die einmal das eine Ende verketteln und an der anderen Seite das Zehenstück vernähen.
Eine Vielzahl von einstellbaren Nockenscheiben steuern Größe, Länge und Muster. (3% Ausschuss,4 % 2. Wahl).

An modernen, computergesteuerten Maschinen sieht man nichts mehr, sie sind frei programmierbar in allen Parametern. Beliebige Muster (ja selbst Bilder), elastische Bündchen und vieles andere mehr können in sie eingearbeitet werden. Die fertigen Socken werden abgesaugt.
Es ist immer noch laut, aber der Lärmpegel, früher 90 dB, konnte auf 70 dB gesenkt werden. (ab 85 dB Tragepflicht für persönlichen Gehörschutz).
Das Garn wird zugekauft. Man verwendet, je nach Qualität und Preis des Endproduktes, edelste Garne. Das führt im Extremfall (nur auf Bestellung) zum Preis von 800 € für ein Paar Socken.
Fein-Strupf-Abteilung:
Dort werden Damen Strumpfhosen und Strümpfe ab 20 den erzeugt. Die Technologie ist vergleichbar. Bei allen Strumpfhosen wird das 2. Bein immer noch manuell eingenäht.
Halterlose Stümpfe erhalten im Abschluss einen innenliegenden, hauchdünnen Silikonring und unterschiedlichste Verzierungen. (Die Sauerländer Uroma nahm da noch ein Einmachgummi.)
Die Fertigung erfolgt bei den dünnen Garnen immer in rein weiß und der fertige Strumpf wird gefärbt.
Färberei:
Die Strümpfe dümpeln, bei garnabhängigen Temperaturen, in einer geschlossenen Trommel langsam, aber stetig bewegt bis zu 8 Stunden in der Farblösung. Sie nehmen so die Farben an, die man in einem 2. Schritt fixiert.                                    Die Formerei:
Jeder einzelne Strumpf wird nass, von Hand auf ein, der Größe entsprechendes, beinförmiges, ca. 1 m langes, 5mm dickes Blech aufgezogen und in einem Wärmeschrank faserabhängig, bei 80-120 °C, auf die endgültige, für jeden Strumpf gleiche Größe geformt.
Endkontrolle:
Strümpfe, die das Werk verlassen, werden einzeln, manuell auf alle optischen Eigenschaften kontrolliert.
Verpackung:
Nur 2 absolut passgenaue Socken werden gemeinsam verpackt, mit Marken-, Artikelschild und Aufhänger versehen. Hochwertige Qualitäten erhalten eine Seidenpapiereinlage.

Niemand hatte erwartet, wieviel Handarbeit heute noch mit hochwertigen Socken verbunden ist.
Alle manuellen Tätigkeiten erfolgen im Leistungslohn, die Frauen und Männer (viele Tamilen aus dem ehemaligen holländischen Werk) kommen im Schnitt auf 14-15 €/h.

Im Gasthof Röhrig in Schmallenberg-Fleckenberg wartet ein leckeres 3-gängiges Mittagessen, das nach der langen Führung besonders gut schmeckt.

Nach kurzer Fahrt wird es nun bunt. Wir erreichen den Orchideenbetrieb Koch in Lennestadt-Grevenbrück und werden von Wiltrud und Thomas Koch schon erwartet und herzlich begrüßt.
Vater Koch machte schon 1958 in Unna die ersten Versuche mit Orchideen. 1985 ging man nach Lennestadt-Grevenbrück und züchtet dort auf dem Lindenhof, einem ehemaligen Bauernhof, professionell Orchideen.

Schon auf unserer Exkursion nach Reken haben wir gelernt, dass biologische Stromerzeugung erst wirklich wirtschaftlich arbeitet, wenn man die Abwärme vermarkten kann.

Da die Tropenpflanzen viel Wärme benötigen, kommt es auch hier zu einer „win-win“ Situation mit einer nahegelegenen Biogas-Anlage, ohne die beide nur schwer leben könnten. Die frühere Kohleheizung könnte man, abgesehen vom Umweltschutz, nicht mehr bezahlen.
Orchideen benötigen vom Samen bis zur ersten Blüte ca.4 Jahre Pflege und davon das erste Jahr in einer keimfreien Dose, später die meiste Zeit bei 28°C. Sie werden mit Regenwasser ab und zu besprüht und erhalten dabei auch Dünger.
In den Gewächshäusern sehen wir Jungpflanzen in den verschiedenen Stadien, platzsparend gestellt.
Isolierglas und viele weitere Maßnahmen sind erforderlich, um wirtschaftlich zu heizen. Die Pflanzen benötigen viele Stunden Licht pro Tag, mögen aber keine direkte Sonne. So muss im Winter oft beleuchtet und im Sommer häufig beschattet werden. Dafür hat man spezielle, sehr sparsame Lampen und kann Folien mit unterschiedlicher Lichtdurchlässigkeit unter das Glasdach fahren. Auf dem Weg erhielten wir von Herrn Koch eine Lehrstunde über Orchideenpflege. Um die komplizierte Vermehrung aus Samen zu umgehen, wird heute hauptsächlich geklont.
Durch ausländische Großbetriebe und über Discounter kommt immer mehr einfache Billigware auf den Markt, sodass sich die Zucht hochwertiger Pflanzen immer weniger lohnt. Herr Koch wird seinen Betrieb, wenn er in den Ruhestand geht, schließen.

Nach diesem interessanten Tag erreichen wir gegen 19:00 Uhr wieder heimatliche Gefilde. Resümee: Bei diesem schönen Wetter, das wir bei diesem „goldenen“ Oktober hatten, ist alleine schon die wunderschöne Landschaft des Sauerlandes diese Reise wert gewesen wäre.